Eltern für einen Tag als Erzieher im Kindergarten – ein Erlebnisbericht

Alice ist nicht da oder „Die Apfelschorlenrevolte“

Rolf Keldenich & Kathrin Weinberg an einem Vormittag als „Aushilfserzieher“ im Kindergarten

Meine Frau und ich durften heute einmal in die Welt des Kindergartens eintauchen, und zwar als „Erzieher für einen Tag“. Aufgrund des Krankenhausaufenthaltes von Alice haben wir uns freiwillig gemeldet, für einen halben Tag auf ihre Gruppe aufzupassen. Es gab eine kurze Anleitung über die groben Abläufe, ansonsten sollten wir improvisieren, die Kinder wüssten ja alles. Kein Problem, wir sind ja zu zweit, ein eingespieltes Team, das auch im Job gut zusammen arbeitet. Kann ja nicht so schwer sein… – dachten wir…

Um acht Uhr da sein. Ein harter Einstieg, denn daran sind wir, als Kurz-vor-neun-Eintrudelfraktion, nicht gewöhnt. Die ersten Kinder kommen. Manche Eltern und auch Kinder sind etwas verwundert. Die meisten Kinder sind neugierig, was wir so „draufhaben“. Die Eltern sind alle sehr nett und sprechen uns Mut und Zuversicht zu. Als dann auch noch Karin und Kerstin aus den anderen Gruppen ihre Unterstützung für alle Fälle anbieten, freuen wir uns natürlich, wissen aber nicht, wie wir das Ganze deuten sollen.
Um 8:15 schaue ich das erste Mal auf die Uhr und frage mich, wie ich das durchstehen soll. Ständig kommen weitere Kinder – es hört gar nicht mehr auf! Am Ende sind fast alle Kinder der Gruppe da, bis auf eines. Und das sind in der Summe immerhin 21. Das volle Programm also, na gut, wir nehmen die Herausforderung an.
Manche Kinder frühstücken, zu unserem Erstaunen haben wir auch einen amüsanten Gast aus einer anderen Gruppe am Frühstückstisch. Nur zu, alle zu uns!!! Wir freuen uns aber, dass die meisten Kinder von ganz alleine ihr Geschirr spülen.
Um 9 Uhr sind wir sehr froh, dass wir ca. zehn Kinder in die „Ecken“ (Sandkasten, Theatersaal und Spielecke) „outsourcen“ können, da es doch schon recht lebhaft zugeht. Die Frage „wer will in den Theatersaal“ hätten wir besser nicht gestellt, denn da wollen alle rein. Da stehen wir nun und müssen entscheiden…
Nick beklagt sich über Schmerzen. Die Oma wird mit Karins Hilfe kontaktiert. Sie kommt schon nach wenigen Minuten und beaufsichtigt, wo sie schon mal da ist, netterweise die Gemüseschneidefraktion. Als das Gemüse geschnitten ist, hat ihr Enkel sich mittlerweile an uns gewöhnt und es geht ihm wieder gut.
Unser Einzelkind-Sohn kompensiert seine Eifersucht mit wildem Gehabe, was die Sache nicht einfacher macht. Beschäftigung muss dringend her!
Brooklyn malt mit Valentin mit Wasserfarbe; die beiden hinterlassen ein Schlachtfeld. Nick baut mit Tom eine Kugelbahn. Medea und Ariana bauen Holzhäuser und andere Sachen. Elena und Hannah malen auch mit Wasserfarbe. In der Spielecke ist alles im grünen Bereich, nur den Sandkasten haben wir nicht im Blick und hoffen einfach auf Kerstin nebenan.
Aus dem Theatersaal dringt plötzlich lautes Weinen und meine Frau läuft schnell hin. Wie ich höre, sind Max und Levi mit den Köpfen zusammen gestoßen und Max bekommt eine Beule. Jason weiß, wo die Kühlkompresse aufbewahrt wird, und bewährt sich als Sanitätshelfer.
Ein Glück, Kinder sind hart im nehmen, alles ist wieder gut.
Suzann möchte UNBEDINGT auch in den Theatersaal und fragt Joan, ob sie tauschen können. Die zwei diskutieren eine Weile, doch Joan will nicht und verschwindet wieder.
Alles ist ständig und überall. Man kommt sich vor, wie ein chinesischer Tellerdreher im Zirkus. Mal hier drehen, mal da drehen, und immer schön gucken, dass kein Teller runterfällt. Und da ist es gerade mal halb zehn!
Joan kommt wieder und will nun doch mit Suzann tauschen. Alle sind zufrieden.
Um viertel vor zehn fällt sechs Kindern ein, dass sie noch nicht gefrühstückt haben. Zu dumm, wir haben vergessen, danach zu fragen. Also noch mal den Tisch decken und alles von vorne.
Um Zehn Uhr ist dann „Aufräumzeit“.
Um 10:15 Uhr sitzen die Kinder auf ihren Stühlen, und jedes will das Klingelkind sein. Schlimmer noch: Wir wissen gar nicht, wie die Prozedur genau abläuft und befragen das Kindergartenvolk. Es werden die wildesten Theorien in den Raum geworfen, warum jeder selbst jetzt gerade das Klingelkind ist. Tumult droht, aber laut Liste müsste es Nick sein. Wir bemühen uns nach Kräften, die Souveränität zu bewahren und bestimmen also Nick. Der ruft mit der Triangel bewaffnet jedes Kind in den Kreis. Ah, die Kinder kennen die Prozedur, es läuft.
Oder doch nicht? Oh nein, einige Spezialisten haben wohl aus Protest gegen die Fremdbetreuung angefangen, die Tische zu bemalen! Den Delinquenten werden feuchte Lappen ausgehändigt, um die Spuren ihrer Freveltaten sofort zu beseitigen. Uff, eine aufkeimende Revolte gerade noch im Keim erstickt… Jetzt sitzen endlich alle im Kreis.
Alle? Aber da fehlen doch noch Kinder? Oh nein, wir haben die Jungen im Theatersaal glatt vergessen!!! Schnell holen wir sie dazu.
Im Kreis selber heben manche brav den Finger und manche plappern einfach los. Auch hier bemühen wir uns redlich, einen Tumult zu vermeiden. Wir reden über Gott und die Welt und Alices Operation und wer schon mal im Krankenhaus war. Schwierige Minuten.
Um 10:30 eine willkommene Verschnaufpause: Michael führt mit seiner Gruppe ein kleines Theaterstück mit der Raupe Nimmersatt vor. Wir sind verblüfft über seinen Einsatz, inklusive der live gesteuerten Sonnen-Mond-Lichteffekte, des Sprechertextes, des Gesangs UND des Gitarrenspiels. Auch seine Kinder machen das ganz toll, und am Ende gibt es viel Applaus.
Da ist es aber auch gerade mal 11 Uhr. Wir setzen uns noch einmal in den Kreis, und meine Frau liest den Kindern aus dem mitgebrachten Buch „Onkel Tobi“ vor. Wir haben keine Ahnung, wie das versammelte Publikum diesen Stoff aufnehmen wird, doch wir haben großes Glück. Die Kinder mögen die schön gereimte Geschichte genau so wie wir, in der Einsiedler Tobi mit seiner Kutsche in die Stadt fährt und sich immer mal wieder mit einem Spruch die Dinge aufsagt, die er mitbringen möchte und nicht vergessen darf. Gar nicht so einfach, gleichzeitig zu lesen und das Buch so zu halten, dass alle etwas sehen können. Das anspruchsvolle Publikum protestiert umgehend, wenn eine Seite nicht gut genug sichtbar ist!
Zwischendrin dann plötzlich etwas Unerwartetes: ein Kind hat Durst, geht einfach mal so vor unseren erstaunten Blicken zur Saftbar und trinkt drauflos. Daraufhin haben alle Kinder Durst. Da ich eher pragmatisch bin, gebe ich mal schnell nur Wasser und sage, die Feuerwehr löscht schließlich auch nicht mit Apfelsaft. Die Kinder aber skandieren lautstark und mit Gepolter „Apfelschorle, Apfelschorle!“. Und da haben wir ihn kurz vor Ende dann doch noch, den gefürchteten Tumult. Schlimmer noch: Eine Apfelschorlenrevolution! Die Autorität erkennt schnell den Ernst der Lage und gibt dem Kindergartenvolk, wonach es verlangt. Jeder bekommt Becher gereicht, und wir schenken jedem Kind ein. Und diejenigen, die keine Apfelschorle wollen, die bekommen eben was anderes. Wir sind jetzt kompromissbereit und schenken eifrig ein, wie Gastronomen bei einem Junggesellenabschied.
Nachdem wir dieses Intermezzo überstanden haben, dürfen wir den Tobi noch lesend nach Hause kutschieren. Das war schön.
Endlich ist sie da, die lang ersehnte Mittagspause. Alle stürmen los zum Anziehen, manche brauchen noch ein wenig Hilfe. Einige fragen, ob wir auch morgen wiederkommen. Das hat uns sehr geschmeichelt.
Und was nehmen wir mit?
Es war eine tolle Erfahrung. Und es ist kaum zu glauben, wie schnell man diese Kinder liebgewinnt. Es ist eine ganz, ganz tolle Gruppe. Jedes einzelne Kind ist unglaublich lieb und nett – alle zusammen sind jedoch eine echte Herausforderung. Es kann auf jeden Fall nicht schaden, besser vorbereitet zu sein und für jedes der Kinder eine Beschäftigung parat zu haben. Wenn das ein Praktikumstag gewesen wäre – so schön es war, doch wir hätten beide den Beruf wohl eher nicht ergriffen. Denn das ist eine Dimension von Multitasking, die ganz besondere Fähigkeiten erfordert. Unsere große Anerkennung an diejenigen, die diese Fähigkeiten haben und jeden Tag aufs Neue unter Beweis stellen. Großer Respekt an Alice, Karin, Kerstin, Claudia, Joelle, Michael und alle anderen Erzieher/innen dieser Welt! Ihr seid die Coolsten.